img_302.jpg
img_026.jpg
img_457.jpg
img_430.jpg
img_123.jpg
Sie befinden sich hier: Publikationen > Akupunktur im Wandel von Geschichte und Wissenschaftserkenntnis  >>> zurück

Akupunktur im Wandel von Geschichte und Wissenschaftserkenntnis

Ein Aufsatz von Dr. Michael Kausch

Einleitung

Kaum eine Richtung in der Medizin hat in den vergangenen Jahren einen solchen Aufschwung in Deutschland erlebt wie die Akupunktur. Ich bin fast geneigt, von einer "Akupunkturmanie"zu sprechen. In unserem Land wird genadelt, was das Zeug hält. Krankenkassen, die nicht einmal bewährte biologische Verfahren der Krebstherapie bezahlen; Krankenkassen, die Naturheilverfahren-bezahlende Mitbewerber wegen Verstoßes gegen das 5. Sozialgesetzbuch verklagen, stampfen aus Publizitäts-, Wettbewerbs- und Marketinggründen Projekte aus dem Boden, die die Wirksamkeit dieser Methode belegen sollen. Daß sie wirkt, wissen wir alle längst. Sie wirkt wie viele den Gesamtorganismus beeinflussende Methoden. Akupressur, Akupunktmassage, Neuraltherapie und Homöosiniatrie sind ihr hier am nächsten.

Das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen bemängelt die Verwendung von Mitteln der GKV für nicht zugelassene Methoden (allein für Akupunktur wandten die gesetzlichen Kassen 500 Millionen Mark im vergangenen Jahr auf), der Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen verweigert der Akupunktur die Aufnahme in die Kassenmedizin, der gleiche Ausschuß befindet übrigens auch, daß Soletherapie bei Hauterkrankungen und Stoßwellentherapie bei Epicondylitis radialis humeri trotz nachgewiesener Wirkung keine Kassenleistung zu sein habe. Eine Methode wie die Akupunktur soll jedoch mit immensem Aufwand zur Kassenmedizin durchgeboxt werden. Eine Methode, die häufig mangels effektiver Diagnostik nach dem Motto ut aliquid fiat eingesetzt wird. Die erweiterte Neuraltherapie, Mesotherapie, Akupressur, Akupunktmassage und Homöosiniatrie würden sich ob solcher Begeisterung der gesetzlichen Kassen herzlich freuen.

Warum also nur die Akupunktur?

In unserem Kulturkreis wird die Akupunktur von Medien, der Politik, den Kassen, auch von der Bevölkerung mit chinesischer Medizin gleichgesetzt. In einer Zeit der Verweltlichung, ohne Sinnhaftigkeit und Sinnhaltigkeit des Lebens Vieler, einer Zeit auf der Überholspur, einer Zeit des moralischen und ethischen Werteverfalls sucht der Mensch insgeheim nach Halt. Dieses nach Halt suchen findet sich in jeder Generation neu. Neu und anders ist jedoch das Ausmaß des nach Halt suchens. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg entwickelten sich mannigfaltige Geistesströmungen, die heute mit dem Begriff der Sekte mehr oder weniger negativ besetzt sind. Mir sind aus meiner Abiturzeit noch Hare Krishna und Scientology in Erinnerung, über die ich ein mehrseitiges Referat erstellen durfte.

Die Akupunktur, wie sie heute verstanden wird, hat auch viel mit Mysterium, Mystik und Magie zu tun. Mit Übersinnlichem, das in unserer aufgeklärten Zeit eigentlich nicht existieren dürfte. Vielleicht aber macht gerade das Geheimnisvolle den Reiz dieser Methode aus. Östliche Mytologien, östliches Gedankengut, die vermeintlich Ruhe und Besinnlichkeit ausstrahlen, treffen den Nerv unserer schnellebigen Zeit.

Blicken wir ins alte China zurück:

 

Geschichte

Die Ursprünge der Akupunktur sollen bis 10.000 v. Chr. zurückreichen, als begonnen wurde, mit Steinnadeln Schmerzen zu lindern und Abszesse zu drainieren. Noch früher werden die Anfänge der Moxibustion datiert. Die zunehmende klinische Erfahrung wurde anhand der Prinzipien der taoistischen Philosophie, welche im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. entsteht, systematisiert und zu einer differenzierten Medizin ausgebaut. Als Begründer des philosophischen Taoismus wird Lao Zi (6. Jh. V. Chr.) angesehen. Der Begriff Dao ist jedoch wesentlich älter. Das Dao-De-Jing lehrt, dass die Wirklichkeit trotz ihrer Vielfalt einem geheimnisvollen Ganzen entspringt. In dieser Urwirklichkeit lösen sich die antithetischen Prinzipien Yin und Yan, also das Weibliche und Männliche, Gute und Böse, Schatten und Licht, Wahres und Falsches) auf. Als Leitlinie des menschlichen Strebens nach solcher Art Vollkommenheit dient das Te (Lebensart, Tugend), worin der individuelle Anteil des Menschen am Dao, also eine Art inneres Gesetz, zu verstehen ist. Aufgabe des Weisen ist nicht, willkürliche Veränderungen herbeizuführen, sondern als passiver Beobachter dem Zusammenspiel der Kräfte seine Lauf zu lassen.

Jahrtausendelang beherrschte der Glaube an unsichtbare Ahnengeister die Denkweise der Men-schen. Den Geistern war die Macht inne, Leben zu gefährden oder zu zerstören. Die Menschen versuchten, durch eine gefällige Lebensweise Frieden mit den Ahnen zu halten. Sofern diese zürnten, wurden sie durch geeignete Fürbitten und Opfergaben besänftigt. Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. traten zunehmend Dämonen in den Vordergrund, die sich nicht durch Sitte und Moral, sondern allein durch starke Mächte in Schach halten ließen.

Die Quin- und auch die Han-Zeit von etwa 200 v. und 200 n. Christus bedeutete wiederum eine Veränderung in der chinesischen Geisteswelt. Das Begreifen der Naturgesetze machte dem Dämonenglauben teilweise ein Ende. In jener Zeit festigten sich zwei Denkstile, die die chinesische Medizin bis in die Gegenwart begleiten.

Eine Sichtweise knüpft an den Dämonenglauben an. Kranksein wird auf Eindringlinge in den Körper oder auf Schädigungen zurückgeführt, die böse Wesen von außen zufügen. Der Erreger war gleichbedeutend mit der Krankheit. Schamanen und Vorschriftenexperten schafften mit magischen Mitteln Abhilfe.

Die zweite Richtung lehnt den Dämonismus aus vielerlei Gründen ab.. Etwa 100 bis 200 Jahre v. Chr. entsteht so eine rein naturheilkundlich betrachtete Medizin. Es beginnt die systematische Rezeptkunde.

Insgesamt ist festzustellen, daß die Literaturangaben hierzu recht widersprüchlich sind. Dies mag an der Weitläufigkeit des chinesischen Reiches liegen oder an der Besonderheit der chinesischen Schriftzeichen, die nicht Buchstaben, sondern Worten entsprechen. Eingedenk der unter-schiedlichen Dialekte in den fünf Provinzen wurden diesen Schriftzeichen mitunter eine andere Bedeutung beigemessen. Hierdurch erklärt sich im übrigen auch die unterschiedliche Auswahl der "Akupunkturpunkte" der unterschiedlichen Schulen. Interessanterweise treffen sich diese jedoch alle in einer Region, der Größe eines Daumennagels entsprechend.

Letztendlich scheint mir die Theorie, die Akupunktur mit Nadeln sei im Sinne des Kampfes mit kleinen Speeren gegen die übelwollende Dämonen entstanden, am einleuchtendsten.

Wenngleich die erste schriftliche Erwähnung der Akupunktur erst 90 v. Chr. erfolgt. Also in einer Zeit der Naturheilkunde. In einer Schrift des frühen 2. Jahrhunderts v. Chr. sind zwar die damals bekannten Therapieformen Moxibustion, Kompressen, Räuchern, medizinische Bäder, Kleinchi-rurgie, magische Beschwörungen, magisch-rituelle Bewegungen, Massagen und Schröpfen be-schrieben. Die Akupunktur wird jedoch nicht genannt. Insofern unterscheiden sich chinesische und europäische Naturheilverfahren nur unwesentlich.

Etwa 80 Jahre früher mußte sich ein chinesischer Arzt, Chunyu Yi, zweimal der Anklage wegen Kunstfehlers erwehren. Zu seiner Verteidigung brachte er vor, von seinem Lehrer aufgefordert worden zu sein, nicht länger mit Hilfe von Heilkräutern, sondern mittels Gefäßtherapien zu heilen. Dies kennzeichnet wiederum einen Richtungswechsel in der chinesischen Medizin. Stichworte hierzu sind Pulsdiagnostik, Aderlaß und Spitzstein.

618 - 907 n. Chr. wird in der Tang.Dynastie der Taoismus zur Staatsreligion erhoben, es entsteht ein großes Medizinalamt mit staatlicher Ärzteausbildung.

960 - 1279 werden in der Song-Dynastie Medizin und Ärzte weiter verstaatlicht, letztere verbe-amtet. Amtliche Rezeptursammlung werden erstellt. Die Trennung zwischen Volks- und Hofmedizin nimmt zu. Gleichzeitig jedoch auch der Wissensaustausch mit der arabischen Medizin über die Seidenstraße.

1206 - 1368 entstehen in der mongolischen Yuan-Dynastie berühmte TCM-Schulen gänzlich unterschiedlicher Ausprägung (Kühlung, Purgierung, Erde-Stärkung, Yin-Ernährung). Es keimt erste Kritik an den amtlichen Rezepturen ohne individuelle Differenzierung der Symptome.

1822 ergeht in der Quing-Dynastie das Dekret, die Kaiserfamilie nicht mehr mit Akupunktur zu behandeln, um die kaiserliche Haut nicht zu verletzen. Die Akupunktur zählt fortan zur Volks-heilkunde.

1911 wird die Volksrepublik China gegründet, die Wissenschaft richtet sich strikt auf westliche Meinung und Methodik aus. Die Akupunktur wird zunächst verboten. Proteste im Lande sowie die Einsicht, mit den wenigen in westlicher, moderner Medizin ausgebildeten Ärzten keine adäquate Versorgung der Bevölkerung insbesondere auf dem Land sicherstellen zu können, wird die Akupunktur wieder zugelassen. Bis 1949 findet jedoch eine ausschließliche Förderung der westlichen Medizin statt.

Erst unter Mao Ze-dong kommt es zur erneuten Förderung der TCM. Seit den 50er Jahren universitäre Ausbildung, Systematisierung und wissenschaftliche Erforschung der traditionellen chinesischen Medizin mit modernen Methoden. Mao betonte damals, die traditionelle Medizin "sei ein Schatz, der gehoben werden müsse". Es etablieren sich im Nachgang drei parallele Systeme: TCM, westliche Schulmedizin und die Integrierte Chinesische Medizin.

 

Diagnostik

Die Diagnostik der traditionellen chinesischen Medizin basiert auf 4 Säulen, wobei Auskultation ujd Olfaktion zusammengefasst werden:

  1. Anamnese (Fieber und Kälteaversion, Schwitzen, Appetit/Durst/Geschmack, Suhl und Urin, Schmerzen, Schlaf, Menstruation und Fluor vaginalis),
  2. Inspektion (Vitalität, Gesichtsfarbe, äußeres Erscheinungsbild, Beobachtung der Sinnes-organe, Exkrete),
  3. Auskultation, Olfaktion,
  4. Palpation.

Pulstastung und Zugendiagnostik stellen spezielle Techniken dar. Technische Diagnoseverfahren (z.B. Labor, Apparate) spielen keine Rolle. Die Summe der Befunde wird einem oder mehreren Krankheitssyndromen zugeordnet.

Als Maßeinheit gilt das Cun. Es werden Finger-Cun und Körper-Cun unterschieden. Das Fingermaß ist durch charakteristische Distanzen an den Fingern des Patienten festgelegt. Z.B. Daumenmaß = 1 Cun, Zeigefingermaß (End- und Mittelglied = 2 Cun).

 

Physiologische Grundlagen

Die Akupunktur zählt zur "Regulationsmedizin", d.h., sie greift als Reflextherapie in bestimmte Regelkreise des Organismus ein. Pischinger als Begründer des Systems der Grundregulation und v.a. Heine als dessen Schüler konnten zeigen, dass es sich bei den Akupunkturpunkten, die in der TCM als Löcher bezeichnet werden, aus denen das Qi entweicht, um Perforationen der oberflächlichen Körperfaszie handelt. Hier treten Gefäßnervenbündel durch. Sie sind in lockeres, wasserreiches Bindegewebe gehüllt. Das erklärt den geringen elektrischen Widerstand im Bereich der Akupunkturpunkte, die somit durch elektrische Messungen, z. B. im Prognos-System oder bei Voll recht sicher gefunden werden können.

Im Bereich der Perforationen findet sich eine große Anzahl vom Mechanorezeptoren, vor allem Druck- und Dehnungsrezeptoren.

Jeder Reiz, der die lokale Abwehr übersteigt, löst eine Reaktion des gesamten Regulationssystems, der ganzen Zwischenzell-Grundsubstanz, aus. Durch seine Vernetzungen über die Kapillaren, Lymphwege und vegetativen Nervenendfasern steht es mit anderen Regelsystemen in engster Verbindung.

Entsteht Schmerz, werden Nervenimpulse zunächst zu den Hinterhörnern des Rückenmarks geleitet. Nach Umschaltung auf ein zweites Neuron wird der Schmerz über den Tractus spinothalamicus zum Thalamus geführt. Der Thamalus wird auch "Tor zum Bewusstsein" genannt. Er entscheidet, ob Reize, ob der Schmerz zur Hirnrinde, d.h. zum Bewusstsein durchgelassen werden.

Durch den Reiz der Mechanorezeptoren in der tiefen Muskulatur durch die Akupunkturnadel steigen Impulse zunächst zu den Hinterhörnern des Rückenmarks. Dort werden sie mehrfach umgeschaltet und führen mittels Ausschüttung der Neurotransmitter Enkephalin und Dynorphin zu einer segmentalen Hemmung der ersten Station der Schmerzleitung. Andere Impulse steigen zu Mittelhirn und Nervenzentren im Hypothalamus-/Hypophysengebiet und offenbar auch zum Cortex auf.

Hier wird nach mehrmaligem Umschalten im Mittelhirn das deszendierende Schmerzhemmsystem zurück zu den Hinterhörnern des Rückenmarks aktiviert. Im Mittelhirn finden sich wiederum die Transmitter Enkephalin und Dynorphin. Die absteigende Hemmung auf Rückenmarkebene ist serotonin- und noradrenalinvermittelt.

Im Hypothalamusgebiet wurde eine ACTH- und ß-Endorphinausschüttung nachgewiesen. Diese Hemmung ist nun ohne segmentalen Bezug. D.h., Schmerzreize aus unterschiedlichen Körper-regionen werden blockiert. Dies erklärt die Wirkung der Akupunktur, aber auch anderer regulie-render Therapien.

ß-Endorphin entstammt einem weit größeren Molekül, dem sog. POMC (Pro-Opio-Melano-Cortin). POMC wird außer im zentralen Nervensystem auch in Ovarien, Hoden und der Placenta gebildet.

Opio » ß-Endorphin (Schmerzlinderung)
Melano » MSH (Schlaf-Wach-Rhythmus, Haarfarbe, Appetithemmung)
Cortin » ACTH (Entzündungshemmung)

Die dritte Wirkung der Akupunktur, die Sedierung, wird erreicht über Du Mai 20. Dieser Punkt im Bereich der kleinen Fontanelle besitzt über Nervenfasern eine direkte Verbindung zur Dura mater. Voraussetzung einer guten Entspannung ist allerdings eine Liegezeit der Nadeln nicht unter 30 Minuten.

 

Behandlungsprizipien chronischer lumbo-ischialgiformer Beschwerden

Im Bereich der Paravertebralmuskulatur zieht der innere Blasenmeridian nach caudal. Durch Nadelung der Punkte 23-27 (LWK 1-5) ist neben der Akupunkturwirkung bei manueller Stimulation auch zusätzlich die Elektrostimulation einsetzbar. Dies führt zu einer verstärkten Muskelrelaxation nach der Therapie. Hierzu sind die Nadeln etwa 2 cm tief einzuführen und das Elektros-timulationsgerät bis zweimal täglich bis 50 Minuten bei einer Frequenz von Hz einzusetzen. Die Erfahrung zeigt, daß durch Nadelung der Punkte DU MAI 20. Magen 36 und Dickdarm 4 sehr gute Dauererfolge erzielbar sind.

© by Dr. Michael J. Kausch

Zurück